FGW Fernwärmetage 2012Bei den Fernwärmetagen am 21. und 22. März in Wels stand das Thema Energieeffizienz im Mittelpunkt. „Sehr angenehm, aber kein Fernwärmewetter", das war die öfters zu hörende Reaktion der TagungsteilnehmerInnen auf die an und für sich erfreulichen frühlingshaften Temperaturen - es hatte den Anschein, als würde ein weinendes Auge den entgangenen Wärmeabsatz sehen, den das prächtige Wetter zur Folge hat. Und es könnte künftig noch aus einem anderen Grund zu Absatzrückgängen kommen. FGW-Bereichssprecher DI Wolfgang Dopf bezeichnete in der Eröffnungsrede die Gesetzgebungsinitiativen zur Steigerung der Energieeffizienz als sinnvolle Ansätze, die jedoch neben Chancen auch Risiken für die Branche bereit hielten. Ein geringerer Wärmeverkauf würde eine Gefahr für bereits getätigte Investitionen darstellen. Aber es sei auch klar, dass bei der Fernwärmeerzeugung Primärenergie besonders effizient genutzt werden kann, und das unter Einbeziehung erneuerbare Energieträger. Dieses Potenzial und die Besonderheiten der Fernwärme müssten sowohl im Zuge der Beratungen zu einer neuen europäischen Energieeffizienz-Richtlinie als auch zum anstehenden heimischen Energieeffizienz-Gesetz den zuständigen Stellen klargemacht werden. Als ersten Referenten konnte Moderatorin Judith Weissenböck, die wie bereits in den vergangenen Jahren für Einhaltung des Zeitplans sorgte, KR DI Gerhard Weiß ankündigen. Der technische Direktor der E-Werk Wels AG stellte die im Jahr 2009 gestartete Fernwärme-Offensive seines Unternehmens vor, die 2015 abgeschlossen sein wird. Man habe sich zum einen dafür entschieden, weil Fernwärme eine ressourcenschonende Form der Energienutzung darstellt, zum anderen bietet diese Sparte der Energieversorgung dem Unternehmen Aussicht auf gesicherte Investitionen - anders als bei Strom und Gas, wo die Kunden den Versorger jederzeit wechseln können.
Dr. Florian Haas ist Leiter des Energie-Rechtsabteilung im Wirtschaftsministerium und zur Zeit mit der Ausgestaltung des Energieeffizienz-Gesetzes befasst, das bis Ende Juni dem Nationalrat vorgelegt werden soll. Die Bestimmungen sollen zur Realisierung der in den 20-20-20-Zielen geforderten Energieeffizienz-Steigerungen beitragen. Weitere Beweggründe zur Schaffung eines eigenen Gesetzes liegen in dem Bestreben, österreichweit einheitliche wirtschaftliche Rahmenbedingungen für Unternehmen - darunter auch Energieversorger - bereitzustellen und klare kompetenzrechtliche Zuständigkeiten von Bund und Ländern festzulegen. Dass das neue Gesetz spätestens bei der Umsetzung der neuen Energieeffizienz-Richtlinie angepasst werden müsste, stört Haas nicht. Es sei wichtig, endlich eine geeignete gesetzliche Ausgangsbasis für Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz zu schaffen. Gelingt dies, könne man auf zusätzliche Anforderungen schnell reagieren und die notwendigen Adaptierungen vornehmen.
Besonders ein Punkt im Gesetzesentwurf hat bei Bekanntwerden für Aufregung gesorgt. Nämlich, dass Energielieferanten die Durchführung von Energieeffizienzmaßnahmen bei ihren eigenen oder anderen Endkunden nachweisen müssen, die einer Endenergieeinsparung in Höhe von 0,5 % der von ihnen im vorangegangenen Kalenderjahr an Endkunden abgegebenen Mengen an Energieträgern - bewertet nach dem Energiegehalt - entspricht. Wie DI Alexander Wallisch (Fernwärme Wien) in einem späteren Vortrag ausführte, passieren bei der Fernwärme- und -kälteerzeugung die Effizienzsteigerungen aber auf der Primärenergieseite - z.B. bei der gekoppelten Erzeugung von Strom und Wärme in hocheffizienten KWK-Anlagen. Auf diesen Umstand muss Rücksicht genommen werden. Auch Klaus Dorninger, Geschäftsführer der Erdgas OÖ GmbH und Leiter der FGW-Arbeitsgruppe Energieeffizienz, sieht die Verpflichtung von Energieversorgern zur Durchführung von Effizienzsteigerungsmaßnahmen als problematisch an. Denn sie müssten gleichsam für das Verbrauchsverhalten der Kunden gerade stehen. Hier seien noch Gespräche notwendig, in die alle Stakeholder eingebunden werden müssten. Die Einführung von Smart-Meter-Systemen für den Fernwärme-Verbrauch findet sich ebenfalls im Entwurf des Energieeffizienz-Gesetzes. Dorninger bezweifelte - wie auch andere Vortragende - die Sinnhaftigkeit von täglichen Verbrauchsmessungen. Es sei sehr fraglich, ob die Kunden ihr Verbrauchsverhalten auf Grund dieser Aufzeichnungen ändern.
Welche Einstellungen es im Umgang mit neuen, energiesparenden Technologien gibt, wurde im Rahmen einer Untersuchung erhoben, deren Ergebnisse der wissenschaftliche Leiter der Österreichischen Energieagentur, Prof. Mag. Herbert Lechner präsentierte. In Hinblick auf „energiebezogene Lebensstile" wurden dabei fünf verschiedene „Energie-Typen" festgemacht. Darunter ist der Typ des „Ökologieverantwortlichen" derjenige, der am ehesten für neue energiesparende Technologien zu begeistern ist und bei dem Fernwärme als umweltfreundliches Energiesystem punktet. Auch der „zögerliche Technikverweigerer" kann von den Vorteilen der Fernwärme überzeugt werden, allerdings schätzt er vor allem den mit ihr verbundenen Komfort. Es wurden aber auch Problemzielgruppen für technische Innovationen ausgemacht. So ist der „kostenbewusste Materialist" nicht zugänglich für Öko-Labels und Zertifizierungen von Umweltfreundlichkeit. Das gilt auch für den „sorglosen Verschwender", der sich eher an statuserhöhenden technologischen Spielereien interessiert zeigt. Und der „orientierungslose Umweltsünder" ist für energiesparende Technologien überhaupt nicht ansprechbar. Ein Schluss aus der Studie ist daher, dass für jede dieser Gruppen genau auf sie abgestimmte Informationskampagnen entwickelt werden müssen, will man ihr Verbrauchsverhalten ändern.
Für den Galaabend bot die Gastgeberin der Fernwärmetage 2012, die E-Werk Wels AG, ein ungewöhnliches Ambiente an: die ehemalige Minoritenkirche aus dem 14. Jahrhundert, die nun als Veranstaltungsort genutzt wird. Vizebürgermeister Hermann Wimmer betonte in seiner Rede seine Zufriedenheit mit dem Weg, den die E-Werk Wels AG in den vergangenen Jahren - gerade beim Ausbau der Fernwärmeversorgung unter Einbeziehung erneuerbarer Energien - eingeschlagen haben. FGW-Obmannstellvertreter DI Gerhard Fida wies in seiner Ansprache allerdings darauf hin, dass die Unternehmen zur Erreichung von Zielen wie Versorgungssicherheit, kundenfreundliche Preise oder Entwicklung innovativer Methoden zur Nutzung erneuerbarer Energie finanziellen Spielraum brauchen. Für die schwungvolle musikalische Gestaltung des unterhaltsamen Abends sorgte der bekannte Blues- und Boogie-Pianist Martin Pyrker, begleitet von seiner Tochter Sabine am Schlagzeug und Waschbrett, die für ihre Solis immer wieder spontanen Applaus erntete.
Am zweiten Veranstaltungstag standen innovative technologische Verfahren für die Fernwärmeerzeugung und -speicherung im Mittelpunkt. DI Wallisch berichtete über aktuelle Projekte seines Unternehmens zur Errichtung von Fernkältezentralen, darunter jenes am gerade entstehenden Wiener Hauptbahnhof. Dort wird im Gleiskörper das Bauwerk für die Kältezentrale errichtet, das Kältemaschinen mit einer Leistung von rund 20 MW aufnehmen wird. Die Rückkühltürme in rund 600 Metern Entfernung werden und über Rückkühlleitungen an die Zentrale angeschlossen. Wallisch unterstrich den Beitrag, den Fernkälte für die effiziente Nutzung von Energie zu liefern in der Lage ist: einerseits durch eine wesentlich höhere Effizienz der Kältemaschinen und andererseits durch die Verwendung von Abwärme als Antriebsenergie. Gegenüber der herkömmlichen, dezentralen Kälteversorgung über Kompressionskältemaschinen wird Strom gespart - und damit Primärenergie, die für seine Erzeugung notwendig gewesen wäre. In Summe muss für Fernkälte gegenüber dezentraler Erzeugung um ca. die Hälfte weniger Primärenergie eingesetzt werden, was auch die CO2-Emissionen reduziert.
Das Dach der Messehalle Wels weist eine Besonderheit auf: Es ist Standort der weltweit größten Vakuumröhrenanlage. In luftiger Höhe sind in südwestlicher Ausrichtung 3.600 m2 Kollektorfläche angebracht und liefern einen voraussichtlichen Energieertrag von 1,55 GWh, der in das Fernwärmenetz eingespeist wird. Abgedeckt werden soll damit der Warmwasserbedarf im Sommer und eventuell auch in den Übergangszeiten (während des übrigen Jahres können die notwendigen Einspeise-Temperaturen von mindestens 80 °C nicht erreicht werden). DI Dr. Kurt Leeb, Bereichsleiter Erneuerbarer Energie bei der E-Werk Wels AG, unterstrich den innovativen Charakter des Projekts, das seit 10 Monaten in Betrieb ist, und verwies auf die wertvollen Erfahrungen, die bei der Errichtung und während der ersten Betriebsmonate gesammelt wurden. Die Tagungsteilnehmer hatten dann bei einer Begehung des Daches auch Gelegenheit, die Anlage zu besichtigen. Leeb hat als „Fremdenführer" schon einige Erfahrung, da immer wieder Delegationen Wels besuchen, um sich vor Ort über die Anlage zu informieren.
Mag. Katalin-Andrea Griessmair, FGW-Fachreferentin Wärme, äußerte sich zufrieden mit dem Verlauf der Veranstaltung. Es sei gelungen, durch Fachvorträge und informelle Gespräche die Botschaft zu vermitteln, dass Fernwärme einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Energieeffizienz darstellt. Diese Erkenntnis werde auch in Stellungnahmen zu den anstehenden Gesetzen und Richtlinien vertreten. |
